Migration entsteht meist als Folge und Ursache sozialer Ungerechtigkeit. Sie steht in direktem Zusammenhang mit Eroberung, Krieg, Zerstörung und Ausbeutung der Umwelt, Enteignung von Grund und Boden oder direkten Ressourcen. Laut UNHCR waren zum Jahresende 2016 65,6 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Geht man von einer Zunahme der Fluchtursachen und somit von einer Zunahme an Migranten aus, dann sind Abschiebe- oder Rückführungsdeals und unverbindliche Erklärungen nur oberflächliche und kurzlebige Lösungen. Die Sicherung der EU-Außengrenze, Migrationspartnerschaften und die Bekämpfung von Schleusern geht an der Ursache der wahren Probleme vorbei. Wenn sich hier in Zukunft nichts ändert und wenn das alles ist, was die Politik heute zu bieten hat, wird es wahrscheinlich nicht bei einem offenen verbalen Schlagabtausch zwischen ein paar Politikern oder ein paar 1000 Toten an den Grenzen Europas bleiben.Die Gesellschaft ist gespalten wie nie zuvor in der Frage, wie mit Migranten allgemein umgegangen werden soll. In den USA und in bestimmten Teilen Europas stehen sich Bürger fast schon wie im Kriegszustand gegenüber. Es gibt diejenigen, die für eine Politik der Abschottung stehen oder Migration in einem gerade noch erträglichen Maße befürworten, und es gibt diejenigen, die für eine neue Politik stehen und offene Grenzen befürworten. Der Ton in der Gesellschaft radikalisiert sich. Es gibt fast jeden Tag neue Meldungen über Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind oder gerade noch gerettet wurden, Meldungen über fremdenfeindliche Übergriffe im gesitteten Deutschland und Abschiebungen von gut integrierten Familien. In dieser aufgeladenen Stimmung geht der Kern des Problems aber meist unter: Bevor übergeordnete und verbindliche Rechtsinstitutionen geschaffen werden können, um die Flucht und Migration zu regeln, stellen sich ihnen die Nationalstaaten und ihr Souveränitätsanspruch in den Weg. Humane Menschenrechtspolitik und nationale Interessen schließen sich offensichtlich aus. Statt sich dieser Problematik anzunehmen, schotten wir uns nicht nur in Europa weiter ab, schüren Ängste und umgehen die Aufnahme von Migranten wo es nur geht.Ich gehe davon aus, dass unsere Politik uns irgendwann einholen wird und dass dieses Jahrhundertthema Migration über die Zukunft in Europa und überall sonst in der Welt entscheiden wird, über unser Zusammenleben und wie wir unsere Welt an die nächsten Generationen weitergeben werden. Wir befinden uns nicht in einer Flüchtlingskrise, sondern in einer politischen Krise, die leicht in einen offenen Konflikt umschlagen kann. Es müssen sich grundlegende Dinge in unseren Köpfen und in unserem politischen Verständnis ändern um diese, unsere Krise, die Krise der Souveränität entschärfen zu können.